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Präferenzwahl (Ranked Choice) erklärt: IRV und STV

So funktioniert die Präferenzwahl: Rangfolge statt Kreuz, Stichwahl in einem Durchgang (IRV) und übertragbare Einzelstimme (STV), mit Rechenbeispiel.

WahlverfahrenVeröffentlicht

Bei der Präferenzwahl (englisch ranked-choice voting) ordnen Wählende die Kandidierenden nach Vorliebe: 1 für die erste Wahl, 2 für die zweite und so weiter. Hat niemand auf Anhieb die absolute Mehrheit, scheidet der Schwächste aus und seine Stimmzettel gehen an die jeweils nächste Präferenz, bis jemand gewinnt. Für einen Sitz heißt das Verfahren Instant-Runoff-Voting (IRV), also Stichwahl in einem Durchgang; für mehrere Sitze nutzt man meist die übertragbare Einzelstimmgebung (STV).

Für Vereine ist das vor allem praktisch: Ein einziger Wahlgang ersetzt mehrere Stichwahlen, und niemand muss fürchten, mit einer Stimme für Außenseiter die eigene Stimme zu verschenken.

So läuft die Auszählung bei einem Sitz

  1. Erstpräferenzen auszählen.
  2. Hat jemand mehr als die Hälfte der noch gültigen Stimmen, ist er oder sie gewählt.
  3. Sonst scheidet die Person mit den wenigsten Stimmen aus.
  4. Deren Stimmzettel werden der nächsten noch verbliebenen Präferenz zugeschlagen.
  5. Weiter mit Schritt 2.

Rechenbeispiel: Vorsitzwahl im Verein

Frei erfundenes Beispiel. 100 Mitglieder wählen den Vorsitz. Es kandidieren Ahorn, Buche und Kiefer.

Runde Ahorn Buche Kiefer Folge
1 (Erstpräferenzen) 42 33 25 keine absolute Mehrheit, Kiefer scheidet aus
2 (nach Übertragung) 42 + 6 = 48 33 + 19 = 52 – Buche gewählt

Von Kiefers 25 Stimmzetteln nannten 19 Buche an zweiter Stelle, 6 Ahorn. Bei einer reinen Wahl mit relativer Mehrheit hätte Ahorn mit 42 Prozent gewonnen. Die Präferenzwahl zeigt, dass eine Mehrheit Buche gegenüber Ahorn vorzieht. Das klassische Vereinsverfahren mit zweitem Wahlgang käme oft zum selben Ergebnis, bräuchte dafür aber eine weitere Abstimmungsrunde, die bei Online- oder Briefwahl Tage dauern kann.

Mehrere Sitze: die übertragbare Einzelstimme (STV)

Werden mehrere Posten gleichzeitig besetzt, etwa ein fünfköpfiger Beirat, braucht man eine Quote. Verbreitet ist die Droop-Quote:

Quote = (gültige Stimmen ÷ (Sitze + 1)) + 1, abgerundet

Ablauf:

  1. Wer mit Erstpräferenzen die Quote erreicht, ist gewählt.
  2. Der Überschuss über die Quote wird mit verringertem Gewicht an die nächsten Präferenzen weitergegeben.
  3. Erreicht niemand die Quote, scheidet der Letzte aus, seine Stimmzettel wandern mit vollem Gewicht weiter.
  4. Das wiederholt sich, bis alle Sitze vergeben sind.

Kurzes, erfundenes Beispiel: 90 gültige Stimmen, zwei Sitze, Quote 31. Person A erhält 40 Erstpräferenzen und ist gewählt, der Überschuss von 9 Stimmen geht anteilig an die Zweitpräferenzen, vor allem an Person B, die damit die Quote überschreitet. Es gibt mehrere Varianten, Bruchteile zu übertragen (etwa nach Gregory oder Meek). Legen Sie deshalb in der Wahlordnung fest, welche gilt, oder nutzen Sie Software, die sie dokumentiert.

Wo Präferenzwahl eingesetzt wird

  • Irland: STV bei Parlaments- und Kommunalwahlen.
  • Malta: STV bei Parlamentswahlen.
  • Schottland und Nordirland: STV bei Kommunalwahlen, in Nordirland auch für die Regionalversammlung.
  • Australien: Präferenzwahl für das Repräsentantenhaus.

In Deutschland, Österreich und der Schweiz spielt das Verfahren bei staatlichen Wahlen keine Rolle. In Vereinen, Hochschulgremien und Fachverbänden wird es aber zunehmend verwendet, weil Online-Wahl-Tools die Auszählung automatisch übernehmen.

Präferenzwahl oder zweiter Wahlgang?

Viele Vereinssatzungen sehen für Vorstandswahlen vor: Erreicht im ersten Wahlgang niemand die absolute Mehrheit, folgt eine Stichwahl zwischen den beiden Bestplatzierten. Das funktioniert in der Präsenzversammlung gut, weil der zweite Wahlgang nur Minuten dauert. Bei Briefwahl oder mehrtägiger Online-Wahl bedeutet er dagegen eine zweite Runde mit neuer Frist. Die Präferenzwahl liefert das Ergebnis in einem Durchgang. Sie berücksichtigt außerdem alle Rangfolgen, nicht nur die Stichwahl zwischen zwei Personen. Wer umstellen will, sollte die Wahlordnung vorher ändern und das Verfahren in der Einladung erklären.

Vor- und Nachteile

Vorteile Nachteile
kein zweiter Wahlgang nötig Auszählung von Hand aufwendig
weniger taktisches Wählen Stimmzettel muss erklärt werden
Gewählte haben meist breitere Unterstützung Zwischenrunden sind schwerer nachzuvollziehen
STV bildet Minderheiten bei Mehrsitzwahlen ab erschöpfte Stimmzettel können die Endmehrheit verkleinern

Passt das Verfahren zu Ihrer Gruppe?

Sinnvoll ist die Präferenzwahl bei drei oder mehr Kandidierenden für einen Posten oder bei Gremienwahlen mit mehreren Sitzen. Für Ja/Nein-Anträge bringt sie nichts. Wer ein noch einfacheres Verfahren sucht, findet es bei der Zustimmungs- und Bewertungswahl.

Praxistipps:

  • In der Wahlordnung Verfahren (IRV oder STV), Quote und Übertragungsregel festhalten.
  • Regeln für ungültige Stimmzettel definieren, etwa doppelt vergebene Ränge.
  • Ergebnisse Runde für Runde veröffentlichen.
  • Bei Online-Wahl ein Tool wählen, das genau diese Regel beherrscht; Hinweise im Vergleich der Online-Wahl-Software und im Ratgeber Vorstandswahl online durchführen.

Grundlagen zu Mehrheiten und Beschlussfähigkeit stehen unter Mehrheiten und Quorum.

Häufige Fragen

Muss ich alle Kandidierenden nummerieren?

Das hängt von der Wahlordnung ab. Meist darf man beliebig viele Präferenzen vergeben. Sind alle markierten Personen ausgeschieden, ist der Stimmzettel „erschöpft“ und zählt in späteren Runden nicht mehr.

Darf ein Verein seinen Vorstand per Präferenzwahl bestimmen?

Grundsätzlich ja, wenn die Satzung oder Wahlordnung das Verfahren zulässt oder kein anderes vorschreibt. Steht dort nur „Mehrheit“, sollte die Mitgliederversammlung vorher eine Wahlordnung beschließen. Keine Rechtsberatung, im Zweifel Satzung prüfen lassen.

Wird die Präferenzwahl in Deutschland bei staatlichen Wahlen genutzt?

Bei Bundestags-, Landtags- und Kommunalwahlen in Deutschland nicht. In Europa ist die übertragbare Einzelstimmgebung vor allem aus Irland und Malta bekannt, außerdem aus Kommunalwahlen in Schottland und Nordirland.

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