Referenden über EU-Verträge: Chronik von 1972 bis heute
Alle wichtigen nationalen Volksabstimmungen über EU-Beitritt und EU-Verträge seit 1972 in einer neutralen Chronik: Land, Jahr, Gegenstand und Ergebnis.
Direkte DemokratieVeröffentlicht
Seit 1972 haben europäische Staaten Dutzende nationale Volksabstimmungen über die europäische Integration abgehalten: über den Beitritt zu den Europäischen Gemeinschaften oder zur EU, über Verträge von der Einheitlichen Europäischen Akte bis Lissabon und über Sonderfragen wie den Euro oder Ausnahmeregelungen. Die meisten endeten mit Ja, einige mit Nein, und mehrfach folgte eine zweite Abstimmung über ein ergänztes Paket. Eine EU-weite Volksabstimmung gab es nie.
Die Chronik nennt Gegenstand und Ergebnis. Genaue Zahlen und Beteiligung veröffentlichen die jeweiligen nationalen Wahlbehörden.
Chronik
| Jahr | Land | Gegenstand | Ergebnis |
|---|---|---|---|
| 1972 | Frankreich | Erweiterung der Europäischen Gemeinschaften | Ja |
| 1972 | Irland | Beitritt zu den Europäischen Gemeinschaften | Ja |
| 1972 | Norwegen | Beitritt | Nein |
| 1972 | Dänemark | Beitritt | Ja |
| 1975 | Vereinigtes Königreich | Verbleib in der EG | Ja (Verbleib) |
| 1982 | Grönland | Austritt aus der EG | Mehrheit für Austritt (vollzogen 1985) |
| 1986 | Dänemark | Einheitliche Europäische Akte | Ja |
| 1987 | Irland | Einheitliche Europäische Akte | Ja |
| 1989 | Italien | konsultative Abstimmung über ein verfassunggebendes Mandat für das Europäische Parlament | Ja |
| 1992 | Dänemark | Vertrag von Maastricht | Nein |
| 1992 | Irland | Vertrag von Maastricht | Ja |
| 1992 | Frankreich | Vertrag von Maastricht | Ja (knapp) |
| 1992 | Schweiz | Europäischer Wirtschaftsraum (EWR) | Nein |
| 1993 | Dänemark | Maastricht mit den Ausnahmen von Edinburgh | Ja |
| 1994 | Österreich, Finnland, Schweden | Beitritt | Ja |
| 1994 | Norwegen | Beitritt | Nein |
| 1998 | Irland, Dänemark | Vertrag von Amsterdam | Ja |
| 2000 | Dänemark | Einführung des Euro | Nein |
| 2001 | Irland | Vertrag von Nizza | Nein |
| 2002 | Irland | Vertrag von Nizza (zweite Abstimmung) | Ja |
| 2003 | Malta, Slowenien, Ungarn, Litauen, Slowakei, Polen, Tschechien, Estland, Lettland | Beitritt | Ja |
| 2003 | Schweden | Einführung des Euro | Nein |
| 2005 | Spanien, Luxemburg | Verfassungsvertrag | Ja |
| 2005 | Frankreich, Niederlande | Verfassungsvertrag | Nein |
| 2008 | Irland | Vertrag von Lissabon | Nein |
| 2009 | Irland | Vertrag von Lissabon (zweite Abstimmung) | Ja |
| 2012 | Kroatien | Beitritt | Ja |
| 2012 | Irland | Fiskalpakt | Ja |
| 2015 | Dänemark | Ersatz der Ausnahme bei Justiz und Inneres | Nein |
| 2016 | Niederlande | Assoziierungsabkommen EU–Ukraine (beratend) | Nein |
| 2016 | Vereinigtes Königreich | EU-Mitgliedschaft | Austritt |
| 2022 | Dänemark | Abschaffung der Verteidigungsausnahme | Ja |
Die Übersicht konzentriert sich auf Beitritt, Mitgliedschaft und Verträge und erfasst nicht jede Abstimmung mit Europabezug.
Was hinter der Chronik steckt
Die nationalen Verfassungen entscheiden
Ein EU-Vertrag tritt erst in Kraft, wenn alle Mitgliedstaaten ihn nach ihren verfassungsrechtlichen Vorschriften ratifiziert haben. Meist geschieht das im Parlament. Volksabstimmungen gibt es dort, wo die Verfassung sie verlangt (Irland, häufig Dänemark), oder wo Regierung oder Parlament sie ansetzen (Frankreich, Niederlande, Spanien, Luxemburg, Vereinigtes Königreich). Die nationalen Regeln vergleicht der Länderüberblick zu Volksabstimmungen in Europa.
Deutschland, Österreich, Schweiz
- Deutschland hat nie über einen EU-Vertrag abgestimmt, weil das Grundgesetz bundesweite Volksentscheide dafür nicht vorsieht. Die Verträge wurden von Bundestag und Bundesrat gebilligt; das Bundesverfassungsgericht prüfte unter anderem die Verträge von Maastricht und Lissabon.
- Österreich stimmte 1994 über den Beitritt ab, weil er als Gesamtänderung der Bundesverfassung galt.
- Die Schweiz lehnte 1992 den EWR-Beitritt ab; als Staatsvertrag mit supranationalem Charakter brauchte er Volk und Stände, siehe doppelte Mehrheit.
Irlands Sonderrolle
Seit einem Urteil des irischen Supreme Court von 1987 legt Irland größere EU-Vertragsänderungen dem Volk vor, weil sie eine Verfassungsänderung erfordern und jede Verfassungsänderung ein Referendum braucht.
Nein und zweite Abstimmung
Dreimal folgte auf ein Nein eine zweite Abstimmung über ein ergänztes Paket: Dänemark 1993, Irland 2002 und 2009. Nach dem Nein in Frankreich und den Niederlanden 2005 wurde der Verfassungsvertrag nicht erneut vorgelegt, sondern durch den Vertrag von Lissabon ersetzt. Die Hintergründe erklärt die Seite zum EU-Verfassungsvertrag von 2004.
Warum es keine EU-weite Volksabstimmung gibt
Die EU-Verträge sehen keine verbindliche unionsweite Abstimmung vor. Vorschläge dazu werden seit Jahrzehnten diskutiert, ihre Einführung würde aber selbst eine Vertragsänderung voraussetzen, die alle Mitgliedstaaten ratifizieren müssten. Auf EU-Ebene gibt es stattdessen die Europäische Bürgerinitiative, die die Kommission zum Handeln auffordern kann, aber zu keiner Abstimmung führt.
Hinweise zum Lesen
- Verbindlich oder beratend: Manche Abstimmungen waren rechtlich bindend, andere beratend, etwa die niederländischen von 2005 und 2016. Mehr unter Was ist ein Referendum?.
- Quellen: Genaue Zahlen bei den nationalen Wahlbehörden oder in Datenbanken wie der des Centre for Research on Direct Democracy (C2D).
Wir beschreiben Ergebnisse und Verfahren und bewerten keine dieser Entscheidungen.
Häufige Fragen
Warum gab es in Deutschland nie eine Volksabstimmung über einen EU-Vertrag?
Das Grundgesetz sieht bundesweite Volksentscheide nicht vor, außer bei der Neugliederung des Bundesgebiets. EU-Verträge werden deshalb von Bundestag und Bundesrat ratifiziert; das Bundesverfassungsgericht hat mehrere Verträge auf ihre Vereinbarkeit mit dem Grundgesetz geprüft.
Gab es je eine EU-weite Volksabstimmung?
Nein. EU-Verträge werden von jedem Mitgliedstaat nach seinen eigenen verfassungsrechtlichen Vorschriften ratifiziert. Für eine verbindliche EU-weite Abstimmung gibt es keine Rechtsgrundlage.
Was passiert, wenn ein Land mit Nein stimmt?
Der Vertrag kann nicht in Kraft treten, solange ein Mitgliedstaat nicht ratifiziert hat. Bisher wurde danach entweder nachverhandelt und erneut abgestimmt, so in Dänemark 1993 und Irland 2002 und 2009, oder der Vertrag wurde ersetzt, wie nach 2005.
Warum stehen in der Tabelle keine Prozentzahlen?
Wir nennen nur Ja oder Nein, damit die Übersicht kompakt und fehlerfrei bleibt. Genaue Ergebnisse und Beteiligung veröffentlichen die nationalen Wahlbehörden.
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